Leseprobe

„Sie dienen der Schwärze und der Dunkelheit im Land, während jeder Einzelne von euch ein helles Licht ist, das sich dieser düst’ren Bedrohung entgegenstellen kann, ja, muss! Mit dem Glauben und der Kraft des Allvaters sollt ihr gesegnet sein!“ Der Priester streckte die Arme vor sich aus. Dann senkte er sie wieder und schaute in das Buch, das vor ihm lag.
„Kranke und Schwache: Auch sie werden vom gütigen Allvater aufgenommen, scheuen sich aber davor. Viele wählen den Weg der Verdammnis, den unreinen Weg in die Finsternis, indem sie ihr Blut verunreinigen und sich dadurch ein ewiges Leben erhoffen. Aber was ist ein ewiges Leben, wenn es gegen den Allvater und gegen das Wohl der Menschheit gerichtet ist? Nichts! Es ist … nichts.“
Erneut hob der Priester die Arme in die Luft. So energisch, dass ihm beide Ärmel seines langen Gewandes auf die Schultern rutschten.
„Erleuchtung euch allen! Auf dass ihr auf den hellen Pfaden wandelt und euch nicht in der Dunkelheit verirrt!“
Bei den Worten des Priesters lief Katrina ein Schauer über den Rücken.
Hatte sie das Richtige getan?
War es nicht ihre Menschenpflicht, anders zu handeln?
Den Rest des Gottesdienstes verbrachte sie in sich gekehrt mit den immer gleichen Fragen und bemerkte nicht, wie der Priester sein Abschlussgebet sprach.

„Hey du! Alles okay mit dir?“
Katrina brauchte eine Sekunde, um zu realisieren, dass es Onkel Alaric war, der mit ihr sprach.
„Geh du ruhig in die Werkstatt, ich komme gleich nach“, sagte er und ließ seinen Schlüssel in ihre Hände fallen. Die Menschen um sie herum standen auf, und ein konstantes Murmeln durchströmte die Kirche. Ihr Onkel schob sich an den Herrschaften in seiner Sitzreihe vorbei und blieb im Mittelgang bei einem hageren Mann im Anzug stehen, dem er die Hand schüttelte.

In der Werkstatt angekommen, drückte sie die Tür hinter sich zu, atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen.
Als sie einen Schritt weiterging, spürte sie, dass sie auf etwas getreten war.
Es war ein Brief, der mit der Vorderseite nach unten auf dem Boden lag.
Sie hob ihn auf, drehte ihn um und sah die Adresse ihres Onkels. Als Absender stand darauf … sie musste zweimal hinschauen … die Adresse ihrer Mutter.
Ihr wurde eiskalt.
Über den Brief hinweg starrte sie auf die Bodenfliesen. Was würde sie ihm schreiben? Vielleicht, dass sie im Stich gelassen wurde und Hilfe brauchte? Der Brief konnte voller Vorwürfe und Hass sein. Beides wollte sie auf keinen Fall aus dem Umschlag befreien.
„Es hat doch nicht so lange gedauert“, hörte sie plötzlich ihren Onkel hinter sich sagen, der aufgeregt durch die Tür platzte. Erschrocken drehte sie sich um und schob den Brief hinter ihren Rücken.
Alaric stürmte lächelnd an ihr vorbei ins Badezimmer und wusch sich die Hände.
„Der Mann, mit dem ich gesprochen habe, ist der Besitzer der Pumpenanlage am Tarus. Vielleicht hat er Arbeit für mich“, rief er durch die halb geschlossene Badezimmertür.
Katrina öffnete die Tür zu den Garagen einen Spaltbreit und schlüpfte hindurch, um in ihren Schlafraum zu gelangen. Dort kniete sie sich auf die Matratze und schob den Brief hinter ihren Beutel in einen der Reifen.
„Dabei könnte genug rausspringen, um die Miete für den Laden diesmal pünktlich zahlen zu können“, fuhr ihr Onkel fort, dessen lauter werdende Stimme deutlich machte, dass er in die Werkstatt gekommen war.
„Alles okay?“, fragte er und schob den Kopf durch die Tür in Katrinas Raum.
Sie stand von ihrer Matratze auf.
„Ja, Onkel, alles okay! Ich gehe jetzt an die Arbeit.“
„Sehr gut. Ich habe dir die Seile mit den Klammern heute Morgen schon bereitgelegt.“

An der Werkbank sitzend starrte sie auf die Holzkiste, die voll war mit Eisenklammern, mit denen man die Seile der Zeppeline verbinden und einhaken konnte. Bevor sie diese Klammern aber abziehen konnte, musste sie die Schrauben lösen. Sie schaute in eines der Regale zu den Schraubenziehern, die dort in den verschiedensten Farben und Formen lagen. Einige schob sie beiseite, konnte aber nicht finden, wonach sie suchte. Plötzlich durchfuhr sie ein Geistesblitz. Erschrocken zog sie die Hand aus dem Regal und schlug sie gegen die breite Seitentasche ihrer Hose.
Er war noch da, dem Allvater sei Dank.
Wie hatte sie ihn nur vergessen können?
Sie machte einen der beiden Knöpfe der Tasche auf und zog einen gelben Schraubenzieher hervor. Der Griff war matt und hatte am Ende eine kleine Öffnung, um ihn an einen Nagel hängen zu können. Sie hatte ihn schon immer lieber in ihrer Tasche aufbewahrt, denn er war das Einzige, was ihr von ihrem Vater geblieben war.
Als sie klein war, hatte er damit regelmäßig die Spieluhr repariert, die neben ihrem Bett stand. Immer mal wieder klemmte der winzige Mechanismus im Inneren.
Er verdiente bei der Armee genug, dennoch machte es ihm mehr Spaß, die Dinge zu reparieren, statt sie neu zu kaufen. Deswegen verstand er sich auch blendend mit Alaric, dem er mehr als einmal bei seinen Konstruktionen behilflich war, als sie noch als Familie zusammenwohnten und sich die Werkstatt im Erdgeschoss ihrer Wohnung befand.
Gemäß dieser Wesensart kam ihr Vater abends nicht nur mit dem Märchenbuch, sondern auch mit einem gelben Schraubenzieher in der Hand an ihr Bett. Manchmal vergaß er ihn, nachdem er ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben und sie zugedeckt hatte. Als sie einmal nicht schlafen konnte, die Spieluhr erneut aufzog und die Töne wieder stockten, reparierte Katrina sie einfach selbst. Das war der Anfang ihres Interesses an Mechanik, Maschinen und Schrauben.
Bis vor Kurzem hatte es kein Gefühl gegeben, das sie mehr befriedigte als das, etwas reparieren zu können.
Dann war ihr Vater plötzlich verschwunden und sie hatte unweigerlich wieder an ihren Onkel denken müssen.
Wie es ihm damals wohl ergangen war? Sie erinnerte sich, wie sie im Alter von ungefähr zehn Jahren neben ihm gestanden hatte. Während eine wunderschöne Eule krächzte, die in einem Käfig neben dem Grab auf ihrer Stange saß, ließ man den Sarg mit seiner Frau in die Erde herab. Dann befestigte man dem Tier traditionsgemäß einen kleinen Metallring mit dem eingravierten Namen der Verstorbenen am Fuß und entließ es in die Freiheit. Katrina stand nur da und wusste nicht so recht, was sie fühlen sollte.
Sie blickte zu Alaric, aber er weinte nicht.
Er stand stumm neben ihr.
Sie fand es damals seltsam, nicht zu weinen, wenn man doch tieftraurig war. Heute verstand sie es.
Gerne würde Katrina mit ihrem Onkel darüber sprechen, aber sie glaubte, damit alte Wunden aufzureißen. Und das wollte sie nicht, zumindest nicht bei anderen Menschen. Es tröstete sie etwas, dass er im Gegensatz zu ihr die Gewissheit hatte und wusste, wo sich seine Frau befand.
Er hatte Abschied nehmen können.
Sie hingegen hatte die letzten Monate damit verbracht, sich auszumalen, was mit ihrem Vater passiert sein könnte, auch wenn es ziemlich sicher war, dass er bereits als Skelett irgendwo im Graben lag. Dieses Land und dieser Krieg fraßen einfach alles und jeden auf, der nicht auf sein Blut achtete. Wann war sie an der Reihe? „Heute kann ich endlich die neuen Radlager anbringen“, sagte Alaric, der mit einem kleinen Karton in die Werkstatt kam und sich im hinteren Teil der Garage neben den aufgebockten Transporter kniete.
„Kann ich dir dabei helfen?“
„Nein, danke! Das ist eine ziemliche Fummelei, da sind weniger Hände effektiver“, antwortete er und widmete sich einer Mutter, die er von einer Gewindestange abschraubte. Emma lief quietschend durch die Werkstatt, stellte sich mit großen Augen daneben und beobachtete ihn dabei.
„Ja, meine Liebe. Deine Schrauben ziehen wir heute auch noch mal fest“, sagte er, nahm die Hand vom Schraubenschlüssel und streichelte der Katze über den Kopf.
Katrina drehte sich mit ihrem Stuhl lächelnd wieder zu den Klammern und begann, mit dem gelben Schraubenzieher die Schrauben herauszudrehen und in eine kleine Schachtel zu legen.
Sie schaffte es an diesem Tag, alle Klammern zu trennen und die Einzelteile in die jeweils dafür vorgesehenen Behälter zu legen. Ihr Onkel konnte alle Radlager austauschen und rieb sich zufrieden die Hände, bevor er sich am Abend von ihr verabschiedete.

Sie spürte ihn. Er war in ihrem Kopf wie ein Splitter, den sie nicht entfernen konnte, und so blieb der Brief versteckt im Reifen neben ihrer Matratze. Je länger sich ihre Gedanken im Kreis drehten, desto tiefer wurde die Schwärze in ihrem Kopf. Wie schon in den Nächten zuvor konnte sie auch in dieser Nacht erst wieder nach ihrer Selbsthilfe einschlafen. Kurz bevor die Welt um sie herum verschwand, hatte sie noch einen letzten Gedanken: Morgen würde sie den Brief öffnen. Ganz sicher.

Jetzt kaufen!

Die Tage vergingen, Katrina arbeitete mechanisch die Aufträge ab, die sie von verschiedenen Zeppelin-Kapitänen bekamen, und fühlte sich für ihre Verhältnisse in der Werkstatt recht wohl.
Ihr Onkel brachte ihr in den zwei Wochen, die verstrichen waren, alles bei, was sie über bestimmte Angebote und auch das Reinigen von Schusswaffen wissen musste. „Wenn du die Arbeit im Laden übernimmst, kann ich mich lukrativeren Außenaufträgen widmen“, hatte er immer wieder gesagt.
Noch war Alaric die meiste Zeit bei ihr, was es ihr leichter machte, auf den Inhalt ihres grünen Beutels zu verzichten. Heute jedoch hatte er einen Auftrag, auf den er sich schon seit Tagen vorbereitet hatte.
Den Brief hatte sie nicht vergessen. Mal war sie abends zu müde, an anderen Tagen hatte sie einfach zu viel Arbeit. Es bot sich einfach nicht der richtige Zeitpunkt, um sich dem Schriftstück zu widmen.
„Ich bin dann an der Pumpenstation, wünsch mir Glück, ja?“, sagte er, als er in voller Arbeitskleidung vor Katrina stand und stolz seinen Werkzeugkasten in der Hand hielt. Er wirkte jetzt viel weniger wie der nette, etwas verrückte Onkel, sondern eher wie ein richtig professioneller Handwerker, was hauptsächlich an seiner Weste lag, an der Schraubenschlüssel in unterschiedlichsten Größen hingen.
„Wann bist du denn wieder zurück?“, erkundigte sich Katrina, die an der Werkbank saß und eine Pistole säuberte.
„Heute Nachmittag. Ich denke, es wird erstmal besprochen, welche Teile benötigt werden und wie viel Arbeitszeit man für die Reparatur einplant.“
Katrina nickte und lächelte ein bisschen, als sie sich einen Pfeifenreiniger griff und zurechtbog.
„Und dafür gleich die volle Montur?“, fragte sie.
„Ja, ich weiß. Der erste Eindruck zählt nun mal“, sagte er und rieb über die Schraubenschlüssel an seiner Weste.
„Ach ja, deine Mutter hat auf meinen Brief noch gar nicht geantwortet. Hast du vielleicht Post bekommen?“
Sie sank auf ihrem Stuhl zusammen.
„Nein, ich weiß auch nichts“, erwiderte sie kurz angebunden, während sie versuchte, beim Untersuchen der Borsten des Pfeifenreinigers so konzentriert wie möglich zu wirken.
„Na gut. Wird schon nichts passiert sein. Ach ja, hier ist dein Geld. Bis später dann!“, meinte er, legte einen Briefumschlag neben Katrina auf den Tisch und verließ den Laden.
Katrina fing wieder an zu atmen, rieb mit den Fingern über die Bürste und griff nach dem Umschlag. Zwei Zwanziger waren darin. Sie nahm einen der Scheine heraus, ging in den Laden und öffnete die Schublade mit dem Korrespondenzzubehör. Dort nahm sie einen Umschlag, schrieb die Adresse von Priester Rosenthal darauf und klebte eine Briefmarke über die Adresse. Dann steckte sie das Geld in den Umschlag und klebte ihn zu. Sie schaute erneut auf ihre Handschrift, schob den Umschlag in ihre breite Seitentasche kurz über dem Knie und ging in ihren Schlafraum, wo sie sich auf die Matratze kniete und den Brief ihrer Mutter hinter dem Beutel hervorkramte. Sie musste es jetzt wissen. Es war ein Fehler gewesen, sie in die Hände des Priesters zu entlassen. Sie hätte bei ihr bleiben und sie mit all ihrer Kraft vor sich selbst beschützen müssen.
Der Brief lag schwer in ihren Händen. Sie starrte auf die handschriftlich geschriebene Adresse, drehte ihn um und schob einen Fingernagel zwischen Lasche und Falz. Als sie gerade einen Zentimeter des Briefes aufgeritzt hatte, hörte sie draußen das Glöckchen der Ladentür.
Hatte ihr Onkel etwas vergessen?
Schnell ließ sie den Brief wieder im Reifen hinter ihrem Beutel verschwinden. Sie lauschte, aber außer der quietschenden Emma war nichts zu hören.
„Hallo? Jemand zu Hause?“
Es war eine unbekannte Frauenstimme.
Mit einer Mischung aus Furcht und Neugier in der Magengrube stand Katrina auf und schlich durch die Werkstatt in den Laden.
„Allvater zum Gruße!“, sagte die Frau, die vor der Eingangstür neben einem der Stühle stand.
Der rote Streifen in ihrem ansonsten blonden Haar fiel Katrina als Erstes auf. Er reichte vom Scheitel bis zu den Haarspitzen und verdeckte ihr linkes Auge. Fast genau so auffällig war ihr langer, grauer Mantel mit dem leuchtenden, orangefarbenen Innenfutter, das aus dem Kragen hervorblitzte.
„Kann ich Ihnen helfen?“
Katrina ging hinter die Theke, als wäre es ein Schützengraben, der ihr Deckung geben würde.
„Ja, das kannst du. Ich hätte gerne erst mal ein kühles Hofsteinbräu“, antwortete sie und zeigte dabei auf das von Alaric handgemalte Schild über dem Kühlschrank.
„Meine Kehle ist staubtrocken.“
Sie kam an die Theke und zog ihren Mantel aus. Darunter trug sie ein ärmelloses braunes Lederkleid, das in der Mitte kurz über ihren unbedeckten Knien spitz zulief und von einer goldenen Gürtelschnalle zusammengehalten wurde, auf der man „HM2608“ lesen konnte. Eine Militärkennung.
Blumiger Schweißgeruch waberte zu Katrina herüber, als sie die Bierflasche aus dem Kühlschrank holte, auf die Theke stellte und etwas ungeschickt öffnete.
„Danke“, sagte die Frau, setzte sich die Flasche an den Mund und nahm einen kräftigen Schluck.
Katrina nutzte den kurzen Augenblick, um den Mantel zu begutachten, der vor ihr lag. Sie erkannte ihn wieder, da sie ihn auf den zahlreichen Plakaten in der Stadt gesehen hatte, und war sich sicher, dass vor ihr eine Doppelmond-Agentin saß.
„Ah, das tut gut“, meinte die Frau, stellte die Flasche vor sich ab und schob ihre Haarsträhne beiseite, sodass auch ihr zweites Auge sichtbar wurde.
Biergeruch stieg Katrina in die Nase, die zwei Schritte zurückging und die Arme vor der Brust verschränkte.
„Bist du alleine hier?“
Katrinas Herzschlag beschleunigte sich.
„Ja, wieso? Mein Onkel ist bei einem Termin.“
„Verstehe, ich dachte schon, du würdest den ganzen Laden hier alleine schmeißen“, stellte die Frau grinsend fest, und für einen kurzen Augenblick sah ihr Gesicht aus, als hätte sie in eine viel zu saure Kizz-Frucht gebissen. Dann drehte sie sich um und ging zur Eingangstür.
„Ich habe da eine Waffe, die dringend gesäubert und geölt werden muss“, sagte sie, hob eine längliche Apparatur neben der Tür vom Boden auf und platzierte sie vor Katrina auf der Theke. „Mein gutes Kettensägenschwert funktioniert ansonsten noch einwandfrei“, fuhr die Agentin fort und klopfte mit der flachen Hand liebevoll auf den eisernen Motor. Über dem Sägeblatt war ein Lederschutz angebracht, der den Geruch von Erde und Verwesung jedoch nicht zurückhalten konnte.
„Aber pass gut auf, es befinden sich noch Blutreste im Sägeblatt, mit denen man besser nicht in Kontakt kommt. Du verstehst?“
Katrina riss sich aus ihrer Erstarrung, nickte und kramte unter der Kasse einen Auftragsblock hervor. In einer Dose fand sie zwischen Nägeln, Schrauben und Inbusschlüssel einen Bleistift.
„Ihr Name?“
Die blonde Frau trat näher, schaute prüfend auf den Block und stützte sich mit beiden Ellenbogen auf die Theke.
„Mein Name ist Helena!“
Katrina schrieb den Namen auf und verharrte dann mit dem Stift über dem Papier.
„Den Nachnamen auch … bitte!“
Kurz schaute Katrina auf, und ihre Blicke trafen sich für einen Moment. Dann starrte sie wieder auf den Block und kniff die Lippen zusammen.
„Keska. Helena Keska“, antwortete die Frau, nahm einen Schluck aus der Flasche und stellte sie vor Katrina, deren Kehle sich langsam zuschnürte.
„Ihre Adresse bitte.“
„Oh, ich habe keinen festen Wohnsitz.“
Katrina strich das Feld durch.
„Sie möchten auch eine Routineuntersuchung, richtig?“
„Ja, schau dir das gute Stück ruhig genauer an. Wurde in den letzten Tagen ziemlich hart rangenommen.“
Helena kniff die Augen wieder zu zwei dünnen Schlitzen zusammen.
Katrina lächelte zaghaft, schob ihre schwarzen Haare nach hinten und kreuzte zitternd die entsprechenden Positionen auf dem Papier an.
„Gut, das kostet 90 Solid.“
Sie schob den Block zu Helena und ging zwei Schritte nach hinten.
„Jetzt gleich?“
Katrina war überrascht über diese Frage und wusste zuerst nicht, was sie darauf antworten sollte.
„Ja“, erwiderte sie knapp und senkte den Blick auf die Theke.
„Ich fliege morgen früh schon weiter nach Hofstein, ist mein gutes Stück bis dahin einsatzbereit?“
Katrina dachte an die ganzen Aufträge, die noch auf ihrer Werkbank lagen. Bis morgen früh würde sie das nicht schaffen. Dann erinnerte sie sich an die Worte ihres Onkels, der ihr gesagt hatte, dass Militärangelegenheiten absoluten Vorrang hätten. „Ihre Waffe wird morgen früh bereitliegen!“
„Sehr gut“, sagte Helena mehr zu sich selbst, als sie ihren Mantel nach der Brieftasche abtastete. Ihr Blick fiel dabei an Katrina vorbei in eines der Regale. „Oh, und wie ich sehe, kann ich auch Munition kaufen. Hast du welche für eine Prinz & Hartmann?“
Helena schob einen Ärmel beiseite und griff in die Innenseite des Mantels nach ihrer Pistole, während Katrina mit dem Rücken zu ihr die Beschriftung der kleinen Schachteln studierte.
„Silber oder normal?“
Sie bückte sich, um tiefer ins Regal schauen zu können.
„Silber. Zwei Schachteln bitte!“
Katrina fand die Munition, legte die beiden kleinen Päckchen neben den Auftragsblock und blätterte durch die Preisliste, während Helena eine der Silberkugeln aus der Schachtel nahm und prüfend in das Magazin ihrer Pistole legte.
Katrinas Finger glitt über das Papier, aber sie fand den Eintrag nicht und blätterte auf eine der nächsten Seiten des Katalogs.
Helena hatte die Kugel wieder zurück in die Schachtel gelegt und begann jetzt, rhythmisch mit dem Finger auf die Theke zu tippen.
Vor dem Laden fuhr eine Kutsche vorbei, deren Räder über die unebenen Steine ratterten und in der Ferne immer leiser wurden.
Die Agentin untersuchte kurz ihre Brieftasche, trank dann erneut einen Schluck aus der Flasche und verbreitete weiter einen intensiven Biergeruch um sich herum.
Katrina verkrampfte immer mehr den Unterkiefer.
„Wie viele tote Hohepriester bekommst du denn jetzt?“
Katrina versuchte durch den Mund einzuatmen, um den inneren Druck nicht weiter steigen zu lassen. Plötzlich fand sie den Eintrag und rechnete schnell alles zusammen.
„183,50 Solid bitte.“
Helena klappte ihre Brieftasche auf und griff in das hintere Fach, in dem ein dickes Bündel Geldscheine zu sehen war. Katrinas Blick wanderte auf den Agentenausweis, der einen Zentimeter aus dem Lederfach herausragte. Dann landeten zwei Hunderter vor ihr auf der Theke.
„Behalte den Rest!“
„Danke“, sagte sie und bewegte mehrmals den Unterkiefer, um ihn zu entspannen. Sie legte die beiden Scheine in die Kasse und schloss die Schublade.
„Wann kommt dein Onkel wieder?“
„Ich … weiß nicht genau, er sagte, heute Nachmittag wäre er wieder hier.“
Helena unterschrieb auf dem Block und zog dann ihren Mantel über, in dem sie zuvor Brieftasche, Pistole und Munition verschwinden ließ.
„Sehr gut, ich habe da nämlich einen kaputten Dampfkessel auf meinem Zeppelin, den er sicher reparieren kann. Eines der Rohre hat einen Riss. Ein Schweißgerät haben wir bereits an Bord.“
Sie richtete den Kragen ihres Mantels und nahm den Durchdruck des Schreibens an sich, den Katrina vom Block riss und ihr entgegenschob.
„Gut, ich sage ihm Bescheid. Wo kann er Sie denn finden?“
„Unser Zeppelin liegt am Nordhafen. Anker 19. Es ist wirklich dringend, ich zahle jeden Preis“, sagte sie und leerte den restlichen Inhalt des Hofsteinbräus mit einem Zug.
„Auf Wiedersehen“, sagte Helena, stellte die leere Flasche auf die Theke, drehte sich um und verließ den Laden. Katrina schaute ihr noch hinterher, wie sie durch die Tür ging und dann vor den Fenstern verschwand. Angewidert widmete sie sich der Bierflasche und schmiss sie in den Mülleimer neben sich, trat zu der Waffe auf dem Tresen und musterte sie. Das Kettensägenschwert roch, als hätte man damit ein Wildschwein in tausend Teile geschnitten – vor einem Monat.

Emma hatte die ganze Zeit über friedlich auf ihrem Kissen gelegen, wurde aber plötzlich munter. Sie gähnte und streckte sich. Dann kam sie quietschend zu Katrina und strich um ihre Beine.
„Jetzt nicht, geh beiseite, los!“
Vorsichtig nahm sie die Waffe an dem rauen Ledergriff und trug sie in die Werkstatt. Das gute Stück war schwer, und sie fragte sich, wie Helena es schaffte, dieses Monstrum zu bändigen.
Unter größter Kraftanstrengung legte sie die Waffe auf die Werkbank vor sich, nahm eine Stahlbürste aus dem Regal, füllte einen Eimer mit heißem Wasser und zog sich feste Lederhandschuhe an. Nachdem sie sich hingesetzt hatte, streifte sie den Lederschutz vom Schwert.
Katrina schüttelte sich vor Ekel. Haarbüschel, Blut, das teilweise schon geronnen war, und der jetzt noch intensivere Geruch waren einfach widerlich.
Ansonsten war die Waffe recht imposant. Was sofort ins Auge stach, war das goldglänzende Zahnrad, das sich reich verziert und feingliedrig am oberen Ende des Schwertes befand. Ein weiteres prangte auf dem Motorblock, in das auch das Symbol der Eule eingelassen war. Eine massive Kupferplatte bildete das Schwert, in dessen Kerbung sich die blutige Sägekette befand.
Eine Weile starrte Katrina die scharfen Spitzen der Säge an. Wie es sich wohl anfühlen mochte, sich mit so einem Sägeblatt ins Fleisch zu schneiden? Würden mehrere dieser Klingen gleichzeitig in ihrer Haut die Entspannung, die Erleichterung und den Rausch vervielfachen?


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